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Die "vorbereitete Umgebung"

in der Montessoripädagogik

 

1. Begriffsbetrachtung

Die vorbereitete Umgebung spielt in der Montessori-Pädagogik eine Schlüsselrolle. Die Umgebung, in der das Kind aufwächst, kann sich sowohl günstig, als auch ungünstig auf dessen Entwicklung und Verhalten auswirken. Dr. Maria Montessori erkannte das erstmals bei Beobachtungen von sogenannten „schwachsinnigen Kindern“. Sie wurde in ihrer langjährigen späteren Arbeit mit einer Vielzahl von „normal“ Kindern  weiter darin bestätigt.

Mit einer vorbereiteten Umgebung meint Dr. Montessori vor allem die Ausstattung und Raumteilung. Bei Maria Montessori entspricht die vorbereitete Umgebung den Interessen, Bedürfnissen und Neigungen des Kindes.

 

2. Ziele

  • Eigeninitiative der Kinder fördern
  • Selbstständigkeit, Selbsttätigkeit,  anbahnen und festigen
  • Erwerb von sozialen Verhaltensweisen unterstützen
  • "Polarisation der Aufmerksamkeit "schulen (=Konzentrationsfähigkeit, siehe  „Theoretische Grundbegriffe“)
  • Persönlichkeitsentwicklung aufbauen und stabilisieren
  • Handlungs- und Bewegungsfreude unterstützen
  • Lernen mit Spaß und Freude im individuellen Lerntemp und der Zeit für Wiederholungen

 

 

3. Aspekte der vorbereiteten Umgebung

Um die Ziele zu erreichen, gibt es wichtige Aspekte, die beachtet werden sollen:

 

Räumliche Aspekte

 

 

  • Atmosphäre

Der Raum hat eine freundliche Ausstrahlung (z.B. durch bewusste Farbgebung der Wände). Er ist einladend gestaltet (z.B. durch Blumen, helle Regale oder ähnliches). Reizüberflutung, etwa durch zu üppige Dekoration wird weitgehend vermieden, da dies zu Ablenkung und Unkonzentriertheit beiträgt.

  • Raumteilung

Der Raum ist klar gegliedert. Es gibt Ecken und Nischen für die Einzel- und Kleingruppenarbeit. Ausreichend Platz für die Arbeit am Boden (mit Arbeitsteppichen) ist ebenfalls vorhanden. Eventuell hat der Raum eine zweite Ebene, sodass dreidimensionale Erfahrungen möglich sind (etwa durch Podeste, Spielhäuser...)

  • Proportionen

Die Regale sind offen und allen jederzeit zugänglich. Von der Höhe entsprechen sie der Größe der Kinder. Tische und Stühle können vom Kind selbst transportiert werden, so dass es den Raum aktiv mit- und umgestalten kann.

  • Ästhetik / Ordnung

Der Raum ist sauber und ordentlich. Das Mobiliar ist gut verarbeitet, einfach zu reinigen und zu pflegen. Für die Kinder stehen Pflege- und Reinigungsutensilien  zur Verfügung (z.B. Besen, Lappen, Kehrset, …). Sie laden ein, sich im hauswirtschaftlichen Bereich mit zu betätigen.

  • Eigenaktivität

Der Raum lädt ein, sich selbsttätig zu beschäftigen und ihn gegebenenfalls umzugestalten (leichte Möbel). Er enthält interessenbezogene Spiel-  und Lernangebote. Die Türen sind offen, um andere Räume in das Erfahrungsfeld der Kinder mit einzubeziehen (z.B. Gang für Legearbeiten, Ruheräume, Garten, …). Sicherheit ist höchstes Gebot !     Material und Ausstattung entsprechen den Hygiene- und Sicherheitsbestimmungen für Kindertagesstätten. Auch klare, nachvollziehbare Regeln tragen zur Sicherheit für alle bei.

  • Alters- und Geschlechtsmischung

Es wird auf eine gute Alters- und Geschlechtermischung geachtet. So werden differenzierte soziale Erfahrungen möglich. Ältere lernen, z.B. Rücksicht zu nehmen und eigenes Wissen weiterzugeben, Jüngere lernen, z.B. durch die Beobachtung der älteren Kinder. Die unterschiedlichen Geschlechterrollen und Vorlieben werden erfahren und erlebt.

 

Ist die Umgebung gut vorbereitet, findet das Kind zu selbsttätigem Tun und zur Selbstständigkeit. Die Persönlichkeitsentwicklung kann so Schritt für Schritt aufgebaut werden.

 

 

 

Sachliche Aspekte

  • Allgemeines

Damit sind vor allem die Entwicklungsmaterialien gemeint. Das heißt, klassische Arbeits- und Spielmaterialien aus der Montessori-Pädagogik, ausgewähltes aus dem Fachhandel und selbsthergestelltes Material für bestimmte Interessen und Fähigkeiten einzelner Kinder. Sie werden häufig in sogenannten Einzellektionen und Kleingruppen eingeführt, das heißt abgestimmt auf den individuellen Entwicklungsstand und das Interesse der Kinder. Gleiche Materialien können in der Regel für verschiedene Entwicklungsstufen eingesetzt werden, da der Schwierigkeitsfaktor variabel ist.   Die Entwicklungsmaterialien unterstützen das Kind in seinen "Sensiblen Phasen" der Entwicklung (siehe  „Theoretische Grundbegriffe“).

  • Materialbereiche

Es gibt fünf Bereiche, für die Maria Montessori Entwicklungsmaterialien erarbeitet hat: das Sinnesmaterial, das Sprach- und Mathematikmaterial, Materialien für die Übungen des täglichen Lebens und Materialien für die kosmische Erziehung (mehr dazu finden Sie in der Galerie).

  • Materialmerkmale / Prinzipien

Die Materialien unterliegen besonderen Merkmalen, die ebenso dazu beitragen, die Entwicklung der Kinder zu unterstützen.

 

 

Isolierung der Eigenschaften :    Nur eine Eigenschaft (Form, Farbe, Dimension, usw.) wird intensiv hervorgehoben.  Nichts anderes lenkt von der Aufgabe ab (z.B. bei den Farbtäfelchen).

Vertikale Gliederung :    Es gibt unterschiedliche Schwierigkeitsstufen innerhalb eines Materials. Man kann es paaren (z.B. zwei gleiche Gegenstände aus dem geheimnisvollen Beutel erfühlen), Kontraste herausstellen (z.B. laut – leise bei den Geräuschdosen), Abstufungen erarbeiten (z.B. größer – kleiner beim Rosa Turm), je nach Entwicklungsstand des Kindes.

Horizontale Gliederung :   Bei ein und dem selben Material gibt es Parallelübungen mit denen Variationen möglich sind, sodass das Interesse des Kindes daran länger erhalten bleibt, z.B. die Barischen Brettchen oder Gewichtsdosen (verschiedene Gewichtseinheiten wahrnehmen; übertragen von schwer und leicht in den Alltag ).

Selbstkontrolle :  Bei fast allen Materialien ist eine sogenannte Fehlerkontrolle eingebaut (z.B. durch Farbpunkte). Damit lernen Kinder zunehmend unabhäng zu werden von Bestätigungen eines Erwachsen (warten bis er Zeit hat zu überprüfen...). Sie üben damit ihr eigenes Können immer mehr selbst einzuschätzen und zu überprüfen. Sie lernen selbstständig evtl. noch einmal auszuprobieren, zu üben und zu wiederholen.

Mengenbegrenzung :   Jedes Material ist nur einmal vorhanden. Sich absprechen wird geübt, die Geduld wird geschult und unfaire Vergleiche werden abgeschwächt, da teilweise ältere und jüngere Kinder zu unterschiedlichen Zeiten damit arbeiten. Ein kleineres Kind jedoch kann noch  nicht die Schnelligkeit oder Genauigkeit haben wie ein älteres Kind. So erleben die Jüngeren nicht permanente Misserfolge.

Aktivität :   Das Material erlaubt handelnden Umgang, indem es etwa in Einzelschritten zum Arbeitsplatz gebracht wird, z.B. bei den Numerischen Stangen für erste Mengenerfahrungen. Die Arbeit mit den Arbeitsteppichen, die zusätzlich zu den Tischen im Angebot sind, kommt dem natürlichen Bewegungsdrang der Kinder entgegen, da sie verschiedenste Sitzpositionen auf dem Boden einnehmen können,

Ästhetik :   Die Materialien und die Ausstattung sind hochwertig verarbeitet und haben eine optisch ansprechende Aufbewahrungsform bzw. Aussehen. Sie regen an zu einem pfleglichen und behutsamen Umgang. Es wird auf Vollständigkeit der zusammengehörenden Materialien geachtet. Ebenso werden defekte Materialien umgehend ersetzt, bzw. repariert.

 

Trifft das Material auf das Interesse des Kindes, arbeitet es in der Regel selbstständig oder mit Partner / Partnerin weiter. Oft kommt es dabei zu einem befriedigenden Spiel und einer tiefen Konzentration (Polarisation der Aufmerksamkeit).

 

  • Didaktische Prinzipien

Außerdem unterliegen die Materialien sog. didaktischen Prinzipien. Sie sind hier nur kurz aufgeführt. Es gibt das Prinzip der Sachgebundenheit, der Isolation der Schwierigkeiten, der Freiheit und Individualität, der freien Wahl, der Selbsttätigkeit, der Selbstkontrolle und des individuellen Lernweges. (Im Thema: „Entwicklungsmaterialien und ihre Prinzipien“ kann ausführlich darüber gelesen werden.)

 


Personeller Aspekt

 

Für Dr. Maria Montessori hat der Erzieher / Lehrer in der vorbereiteten Umgebung eine sehr wichtige Rolle.

Er schafft zuerst die räumlichen (Umgebung) und sachlichen (Materialien) Voraussetzungen, um den Kindern optimale Entwicklungsmöglichkeiten zu bieten.

Eine gut vorbereitete Umgebung erkennt man daran, dass die Kinder häufig konzentriert und vertieft bei Spiel und Arbeit sind und eine ruhige, entspannte Atmosphäre vorherrscht.

 

Dafür muss der/die Erzieher (in)/ Lehrer (in) einige Aufgaben erfüllen:

o        liebevoller, objektiver Beobachter (in) sein

Liebe, Achtung, uneingeschränkter Respekt vor jedem Kind sind Grundvoraussetzungen. Durch objektive Beobachtung kennt er / sie den individuellen Entwicklungsstand der einzelnen Kinder in der Gruppe. Danach gestaltet er / sie die Umgebung.

o        profunde Kenntnisse der sensiblen Phasen haben

Er /sie kennt die Entwicklungsstufen von Kindern und Jugendlichen genau. Er /sie stellt deshalb entsprechende entwicklungsfördernde Materialien zur Verfügung.

o        genaue Kenntnisse der Materialien besitzen

Er /sie kennt den exakten Aufbau, die Handhabung und die pädagogische Zielsetzung der Materialien. Er / sie sorgt für Vollständigkeit und ordentliches Aussehen der Materialien. Er / sie kennt die Darbietungsformen, z.B. die Drei-Stufen-Lektion. Er /sie setzt das Kind in Beziehung zum Material und zieht sich dann mehr und mehr zurück. Er / sie beobachtet, greift auf Wunsch, oder wenn der nächste Entwicklungsschritt ansteht hilfreich ein, ohne jedoch das Kind zu gängeln. Er /sie hält sich  immer wieder das Motto vor Augen: „Hilf mir, es selbst zu tun.“

o        regelmäßige, kritische Selbstreflexion betreiben

Um all diesen Aufgaben gerecht zu werden, muss der Erzieher(in) / Lehrer(in) sich täglich gründlich vorbereiten. Er  /sie muss seine Arbeit regelmäßig kritisch selbst beurteilen und reflektieren. Er  /sie lernt  im Austausch mit Kollegen / Kolleginnen, sowie bei regelmäßigen Fortbildungen. Er  /sie ist Vorbild für die Kinder, hält sich selbst konsequent an die gemeinsam erarbeiteten Regeln und sorgt gegebenenfalls für deren Einhaltung. Er /sie muss bereit sein, das eigene Wissen und seine / ihre Erfahrungen zu erweitern und Begeisterung bei seiner /ihrer Arbeit empfinden.

 

Sind die räumlichen Bedingungen entsprechend umgesetzt, unterstützt auch der Raum als „Dritter Erzieher“ die Entwicklung, Bildung und Förderung der darin spielenden und arbeitenden Kinder.

 


Abschluss