http://kita-montessori-suro.de/stellung_und_aufgaben_des_erwachsenen.ht.htm

Stellung und Aufgaben des Erwachsenen

in der Montessoripädagogik

 

 

1. Hilf mir es selbst zu tun

Dieses Zitat ist das Motto der Montessori-Pädagogik schlechthin. Der Satz stammt aus dem Munde eines Kindes das Montessori betreute. Es gilt dabei die beiden Gedanken zu beachten, die in diesem Zitat enthalten sind.

"Hilf mir..."- weist darauf hin, dass der Erwachsene sehr wohl gefragt ist in der Erziehung, Bildung, Betreuung und Förderung des Kindes - auch wenn oberflächliche Betrachter dies den Pädagogen in der Montessorierziehung immer wieder absprechen.

Er ist es, der durch die gezielte Beobachtung jedes einzelnen Kindes erkennen soll, welche Angebote geschaffen werden müssen, um das Kind in seiner Entwicklung Schritt für Schritt zu begleiten, es hinzuführen zur Selbstständigkeit, Selbsttätigkeit und somit zur Entfaltung seiner Persönlichkeit.

Dies stärkt das Selbstbewusstsein und fördert das sich selbst Tun und Handeln trauen. Es gibt Sicherheit und Geborgenheit. Somit ergibt sich aus dem ersten Teil des Zitates ganz selbstverständlich der zweite Teil.

Der Erwachsene ist bestenfalls Wegbegleiter, nicht  Animateur und Handlungsabnehmer. Dazu gehört auch, dass er verantwortungsvoll mögliche Wege aufzeigt, um sich in der Gesellschaft zurechtfinden zu können. Er bietet Strukturen (nachvollziehbare Regeln und Grenzen) an, damit sowohl das  Kind, als auch andere Personen unbeschadet, an Leib und Seele, bleiben.

Neueste Forschungen (Lern- und Hirnforschung/ Entwicklungspädagogik) belegen was Montessori in ihrer Zeit noch nicht wissenschaftlich untermauern konnte, jedoch durch ihre hervorragende Beobachtungsgabe erkannt hat.

Sie behauptete schon damals, dass Lernen auf unterschiedlichen Ebenen und durch unterschiedliche Methoden besser und nachhaltiger gelingt.

 

 Der Weg ins Gedächtnis    >>>    Die Wahrnehmungsart beeinflusst das Erinnern !

Der Mensch behält von dem

  • was er liest 10%
  • was er hört 20%
  • was er sieht 30%
  • was er sieht und hört 70%
  • was er selbst ausführt 90%                                                         (Focus. Nr. 43/2002)

Maria Montessori war schon zu ihrer Zeit Verfechterin der letztgenannten Lernmethode, dem selbst Tun dürfen!

 

2. Stellung des Erziehers in der Montessori-Pädagogik

Das Verhalten und die Einstellung des Erziehers spielt in der Montessori-Pädagogik eine zentrale Rolle.

 

2.1.  Mittler zwischen Kind und Umgebung

Der Erzieher ist nur solange aktiv, um das Kind in Beziehung mit den Materialien zu bringen und deren Handhabung zu zeigen. Danach zieht er sich stetig zurück, ohne das Kind und dessen Arbeit ganz aus dem Auge zu verlieren. Er verhält sich vorerst eher passiv. Er greift erst wieder in das Geschehen ein, wenn er sieht, dass das Kind nicht weiterkommt oder von sich aus Hilfe wünscht. Eine Betreuungsperson die eine optimal vorbereitete Umgebung mit entsprechenden Entwicklungsmaterialien für die sensiblen Phasen der Kinder bietet, nimmt somit vorrangig nur einen sog. indirekten Kontakt mit dem Kind auf. Montessori fordert vom Erziehenden eine sachliche Distanz zum Kind. Zugleich muss er jedoch offen und annehmend auf das Kind ein- und zugehen, wenn es Hilfe braucht und möchte. Je jünger das Kind ist, umso mehr ist es nötig dem Kind diese Offenheit und das Angenommensein zu zeigen.

Die Umgebung ist so zu gestalten, dass die sog. "Polarisation der Aufmerksamkeit" (siehe "Theoretische Grundbegriffe") bei jedem Kind der Gruppe immer wieder erreicht werden kann.

 

2.2. Dienender Helfer

Die Erziehenden können dienende Helfer sein, wenn sie auf Grund ihrer exakten, regelmäßigen und objektiven Beobachtung des einzelnen Kindes und der Gruppe erkennen, wann, wo und wie sie einem Kind bei seinen Entwicklungsschritten weiterhelfen können. Dazu sind einige Kriterien notwendig die unter Punkt 3.1. ausführlich dargelegt werden.

Montessori ist überzeugt, dass ein Erzieher bei angemessenem Verhalten und entsprechenden Kenntnissen, "Einsicht in das Geheimnis der Kindheit gewinnt" (Zitat Montessori)

 

3. Aufgaben des Erziehers

Im Hinblick auf die besondere Stellung des Erziehers in der Montessori-Pädagogik werden ihm auch besondere Aufgaben zugedacht.

 

3.1. Objektiver, liebevoller Beobachter

Beobachtungen des Kindes und der Gruppe stehen in der Montessori-Pädagogik mit an oberster Stelle. Dafür hat Montessori exakte Vorgaben geliefert. Die Kinder sind regelmäßig zu beobachten. Die Beobachtungen sind sachlich und v. a. schriftlich festzuhalten. Dabei ist zwangsläufig unerlässlich, dass der Erziehende um allgemeingültige Entwicklungsabläufe in den verschiedenen Altersgruppen weiß und über genaue Kenntnisse der sogenannten  "Sensiblen Phasen"  verfügt.

 

Für jedes Kind sind Beobachtungsbögen zu führen. Beobachtungskriterien für eine pädagogische Beobachtung sollten laut Montessori sein:

  • Arbeiten des Kindes genau dokumentieren: wann beginnt es; wie lange ist es beschäftigt; ist es konstant bei der Aufgabe; Wiederholungen; wie viele Arbeiten am Tag führt es aus;Ausdauer; lässt es sich ablenken; kommt es zur Polarisation der Aufmerksamkeit; Entwicklungsfortschritte…
  • Verhalten des Kindes: wie sieht es mit der Ordnung aus; Handlungen geordnet; Verhalten während des Arbeitsablaufes; Gefühlsreaktionen z.B. Freude; Ausgeglichenheit; Sprunghaftigkeit; folgt das Kind der Einladung des Erwachsenen, wenn es von ihm gerufen wird; Anteilnahme an der Arbeit anderer; zeigt es freiwillig und freudig erwünschtes Verhalten...

Dazu gehört ebenso, dass der Erziehende geduldig und aufmerksam ist und dem Kind die Zeit zugesteht die es für seine Aufgaben, Tätigkeiten und seine Entwicklung braucht. Deshalb ist es unbedingt erforderlich das Kind nicht mit einem anderen zu vergleichen, sondern nur mit sich selbst, d. h. seine individuellen Entwicklungsfortschritte zu sehen, und sich mit ihm zu freuen.

Aufgrund dieser Beobachtungen kann erkannt werden, welche Hilfen evtl. angeboten werden müssen, um das Kind in seinem Bestreben mehr und mehr selbstständig zu sein und zu werden, weiterzuführen. Das können Gespräche sein, besondere Materialien oder ein Anreiz das Material für den nächsten Schwierigkeitsgrad zu verändern. Der Erziehende muss laut Montessori:  "Eilen, wenn er gerufen wird, zuhören und antworten wenn er dazu eingeladen wird und die Kinder uneingeschränkt respektieren."

Der Erziehende muss außerdem achtsam sein, indem was er sagt und tut und wie er es sagt und tut.

Er muss darauf achten Wege anzubieten, jedoch andere Wege, die dem Kind mehr entsprechen und die es womöglich selbst für eine Lösung entdeckt hat achten und respektieren - denn oft führen mehrere Wege zum angestrebten Ziel.

 

3.2. Vorbereitung der Umgebung

Die Erziehenden müssen eine Umgebung vorbereiten in der das Kind unbewusst, aus eigenem Interesse auf Materialien zugeht. Die Umgebung muss Lernanreize schaffen, jedoch nicht Reizüberflutend wirken. Sie soll das Kind locken, handelnd mit Dingen umzugehen (ausführlicher dazu  „Die vorbereitet Umgebung" in der Montessoripädagogik“)

 

3.3. Kompetente Kenntnisse der sensiblen Phasen und der Entwicklung des Kindes

Weiterhin muss der Erzieher kompetente Kenntnisse über die sensiblen Perioden haben die in drei Phasen ablaufen. Nur dann kann er die Umgebung, die Materialien und sein Verhalten so abstimmen, dass das Kind durch sein eigenes Tun zur Polarisation der Aufmerksamkeit gelangt. Dadurch kommt das Kind mehr und mehr zur „Normalisation“ (Verhaltensweisen wie: Ausgeglichenheit, Ausdauer, Hilfsbereitschaft, Selbstwertgefühl…) und kann weiter in seiner Entwicklung fortschreiten (siehe „Theoretische Grundbegriffe")

 

3.4. Sichere Handhabung und Einführung der Entwicklungsmaterialien

Neben den bereits erwähnten Kenntnissen, muss der Erzieher auch die entsprechenden Materialien für die sensiblen Perioden und deren sichere Handhabung besitzen.  Dazu muss er genaues Wissen vom Aufbau, der Anwendungsform und der pädagogischen Zielsetzung haben, die diese Materialien bieten. Die Techniken der Einführung muss er exakt beherrschen, z.B. die Drei- Stufen-Lektion.

Er muss durch die eigenen, praktischen Erfahrungen die angemessenste Methode für das jeweilige Kind finden. Er muss sich auf die Individualität jedes einzelnen Kindes einstellen. Er muss selbst mit den Materialien ausreichend gearbeitet haben um mögliche Schwierigkeiten zu erkennen.

Dabei zu beachten sind:

  • Erster Schritt: Einführung des Kindes in den Gegenstand, das Material z.B. mit der 3-Stufen-Lektion
  • Zweiter Schritt: Vermitteln, bzw. eingreifen um die Aufmerksamkeit des Kindes, das bereits erfolgreich bei seiner Arbeit war, auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den Dingen hinzulenken
  • Das Kind durch Fragen anregen selbst Lösungen zu finden und nicht vorschnelle Hilfen vorzugeben (Dialog statt Monolag; Fragen statt übereifrige Antworten)

Wichtig ist dabei, je nach Entwicklungsstand des Kindes die Materialien verständlich und kindgerecht einzuführen, v. a bei der Vermittlung von Wortarten und Begriffen ist die Drei-Stufen-Lektion eine große Hilfe. Außerdem bieten die Materialien die Möglichkeit, sie erleichtert oder erschwert anzubieten bzw. zu handhaben.

 

3.5. Kritische Selbstreflexion und Selbsterziehung

  • Um alle vorausgegangenen Aufgaben zu meistern, müssen Erziehende laut Maria Montessori immer wieder ihr eigenes Verhalten, ihre Einstellung usw. reflektieren.
  • eine sog. "moralische Haltung "haben. "Seinen Zorn und Stolz muss er ablegen." (M. Montessori)
  • sich im Klaren sein, dass ihr Verhalten Vorbildcharakter hat.
  • geduldig und bescheiden sein, darf andere nicht bloßstellen.
  • den Zwang unterdrücken dem Kind belehrend und Leistungsfordernd (gemeint ist hier Leistungsdruck) entgegenzutreten.
  • Zugleich abschätzen in wie weit, liebevolle "Schubser" helfen können, einen weiteren Entwicklungsschritt zu machen.
  • muss sich bewusst sein, dass er Dinge nur weitergeben und dafür begeistern kann, wenn er sie selbst verinnerlicht hat und selbst begeistert ist.
  • offen sein, auch vom Kind zu lernen, weil es vielleicht Fragen stellt und gar Wissen hat, das sogar das Denken und Handeln des Lehrenden weiterführen kann.
  • Verantwortliche Vorbereitung ist selbstverständlich.
  • V.a. aber muss sich der Erziehende  immer wieder vor Augen führen welches Bild er vom Kind hat. Achtung, Wertschätzung, Respekt und bedingungslose Annahme sind unerlässlich als Erzieher in der Montessori-Pädagogik und sollten es auch sonst im Umgang mit Kindern.

 

4. Persönliche Anmerkung

Dr. Maria Montessori hat meiner Meinung nach einen sehr hohen Anspruch an Erziehende. Dieser entspringt ihrer eigenen Persönlichkeit, da sie sich selbst immer wieder hinterfragte und sich oft mehr als erwartet für das Wohl der Kinder einsetzte.

Für Dr. Maria Montessori war der Weg und ihr Bild vom Kind, das sie anderen zu vermitteln versuchte, häufig nicht einfach. Zur Zeit Montessoris waren Kinder wenig beachtenswert, geschweige denn angesehen als „Lehrmeister“ für den Erwachsenen.

Dr. Maria Montessori stellt das Kind in den Mittelpunkt allen Erziehens, Bildens und Förderns, nicht wie wir Erwachsene häufig den Lehrer oder Erzieher.

 

5.Schlussgedanke

 

"Führe dein Kind immer nur eine Stufe nach oben.

Dann gib ihm Zeit zurückzuschauen und sich zu freuen!

Lass es spüren, dass auch du dich freust, und es wird mit Freude

                                             die Nächste nehmen."                                           (Franz Fischereder)


Abschluss