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Die sensiblen Phasen

in der Montessoripädagogik

 

 

1.      Begriffserklärung  und  Ursprung

Maria Montessori hat beobachtet, dass die Entwicklung des Menschen in verschiedenen Phasen verläuft. 

Innerhalb dieser Entwicklungsstufen gibt es bestimmte sensible Perioden.

Sensible Phasen sind Zeiten, in denen der Mensch besonders offen und empfänglich (aufnahmebereit) ist, eine wichtige Fähigkeit zu erwerben. In dieser Zeit gelingt es ohne große Anstrengung, mit Leichtigkeit, etwas zu lernen, wenn entsprechend Gelegenheit dazu gegeben wird. Zu einem anderen Zeitpunkt würde das Kind das Gleiche mit sehr viel größerer Mühe, willentlicher Anstrengung und weniger Freude erlernen müssen.

Während der sensiblen Phasen besteht laut Maria Montessori eine „natürliche“ Lernbereitschaft.

Werden diese Perioden gut unterstützt und somit vom Kind erschöpfend durchlaufen, sind Bedingungen geschaffen, die es dem Kind erleichtern sicher von einer Entwicklungsstufe in die nächste zu finden.

 

Beispiel Laufen lernen:

Gesteuert durch einen inneren Antrieb und Ansporn will jedes „normal“ entwickelte Kind Laufen lernen. Es wird mit Energie und unbeirrbarer Ausdauer von sich aus üben. Die Kinder probieren solange bis sie endlich geschafft haben, was schon in ihnen verankert ist, nämlich, genau zu dieser Zeit das Laufen zu lernen (nach Montessori: „der immanente Bauplan“, siehe dazu "Theoretische Grundbegriffe"). Sie üben unablässig ihre Wahrnehmung (wo kann ich mich zum Hochziehen festhalten...) und die Grob- und Feinmotorik (Arm-,Bein-,Fingermuskulatur), bis sie die Bewegungen koordinieren können und diese automatisiert haben. Sie erforschen somit ihre Umwelt und bauen eine Vorstellung von den Dingen auf. Die Welt wird begriffen – vom Greifen zum Begreifen. All diese Übungen bedeuten Entwicklung, zunehmende Selbstständigkeit und Unabhängigkeit.  Kinder werden nicht müde immer wieder aufzustehen wenn sie fallen, außer Eingriffe von außen wirken ein, etwa ständiges Helfen, festhalten, tragen usw. Dies bezeichnet Montessori als "Barrieren", vor allem gegeben durch Erwachsene. Sie stören damit die Natürlichkeit der Entwicklung, weil sie diese unterbrechen oder beschleunigen wollen. Beides ist für Montessori nicht zum Wohle des Kindes.

Der exakte Zeitpunkt für das Auftreten einer sensiblen Phase beim einzelnen Kind ist individuell und nicht vorhersagbar. Jedes Kind hat seine Zeit. Erwachsene müssen deshalb offen und wachsam sein, im Blick auf das Hervortreten, um dem Kind dann zu helfen, diese Phase so optimal wie möglich nutzen zu können.

Beim Laufen lernen bedeutet dies z.B., dass nicht jedes Kind bis zu einem ganz bestimmten Lebensmonat laufen kann. Ein Kind tut dies früher, ein anderes später. Trotzdem wird es Laufen lernen (Voraussetzung, dass es körperlich und geistig dazu in der Lage ist).

Angebote diese sensible Phase von Seiten des Erwachsenen zu unterstützen sind etwa:

  • Dem Kind Möglichkeiten schaffen, sich gefahrlos an Dingen hochzuziehen
  • Den Entwicklungsverlauf nicht vorwegnehmen - vom drehen auf Bauch und Rücken über das Robben und Krabbeln hin zum Sitzen und dann erst aufstehen
  • Dem Kind Gelegenheit geben, wenn es fällt, selbst wieder aufzustehen
  • Zeit nehmen und viel draußen sein, ohne Kinderwagen
  • Durch Wald, Wiesen und über andere verschiedenen Untergründe laufen
  • Nicht nur ebene Strecken zumuten, auch Hügelchen erklimmen lassen
  • Klettern, Kullern, Rutschen ermöglichen
  • usw.

Maria Montessori hat den Begriff der "sensiblen Perioden" von dem holländischen Gelehrten de Vries übernommen. Er beobachtete sogenannte Empfänglichkeitsperioden bei Tieren.

Da M. Montessori ebenfalls großen Wert auf Beobachtung legte, entdeckte sie, dass es auch bei der Entwicklung des Menschen vom Kind zum Erwachsenen besondere „Empfänglichkeitszeiten“ gibt, eben diese sensiblen Perioden.

Sensible Perioden sind nur vorübergehender Natur. Sie klingen ab, wenn die bestimmte Fähigkeit erworben ist. Sie gehen auch vorbei, wenn die Fähigkeit durch äußere Umstände nicht erlangt werden konnte.

Es gilt als sehr schwierig, diese Phasen nachzuholen. Später gelingt das oft nur mit großer Mühe, Anstrengung und Willenskraft. In ausgeprägten Fällen hilft manchmal nur eine Therapie, um solche Phasen nachzuholen, z.B. Motopädagogik, Ergotherapie, Logopadie...

 

Am Beispiel des Laufen lernens kann dies durch medizinische Erkenntnisse gut beschrieben werden:

Ein Verunfallter dessen Bewegungszentrum im Gehirn geschädigt wurde, kann möglicherweise das Laufen und andere Bewegungsmuster wieder aufbauen. Dies ist in der Regel jedoch mit hohem Aufwand und vielfältigen Therapien, großer Anstrengung und Disziplin der betreffenden Person verbunden.

All dies ist übertragbar auf andere Entwicklungsbereiche der heranwachsenden Kinder.

 

2.      Kennzeichen der sensiblen Phasen

Maria Montessori hat durch ihre Beobachtungen drei große Empfänglichkeitszeiten beim Menschen beschrieben.  Sie sind in der Reihenfolge   nicht   umkehrbar.

 

2.1.   Erste Phase  von  0-6 Jahren

Diese Phase unterteilt sich in zwei Unterphasen.   Es sind Zeiten, in denen das Kind vieles unbewusst aufnimmt (absorbierender Geist - siehe "Theoretische Grundbegriffe").  Man spricht auch von schöpferischen, aufbauenden Phasen.

 

1. Unterphase :                 0-3 Jahre

- absorbierender Geist

In dieser Periode saugt das Kind alle positiven und negativen Eindrücke (Stimmungen, Klänge usw.) seiner Umgebung unbewusst auf wie ein Schwamm. Es kann diese noch nicht bewusst zuordnen und definieren. Deshalb sind gute Vorbilder, Lob und Ermunterung, sowie positiv fördernde Angebote wichtig.

- Bewegung

In dieser Zeit steht vor allem die Hand-Hand-, sowie die Hand-Auge-Koordination im Vordergrund. Außerdem nimmt das Kind Dinge und Personen, die in Bewegung sind, besonders wahr. Auf entsprechende Angebote kann mit passenden Materialen geachtet werden.

In dieser Zeit übt es sich im Laufen und baut den Gleichgewichtssinn auf.

- Ordnung

Das Kind entwickelt ein besonderes Bedürfnis nach Orientierung. Es ist empfänglich für eine gewisse Ordnung, z.B. für Regeln und Rituale die wiederkehren und auch Ordnung, im Hinblick darauf, dass gewisse Dinge nur dort stehen, liegen dürfen usw.

Die Dinge in der Umgebung sollten so geordnet sein, dass sie einen festen Platz haben. Das hilft dem Kind, die Lage der Gegenstände im Raum zu erkennen und sich an die Stelle zu erinnern, wo jedes Teil sich befindet. In einer klaren räumlichen Ordnung ist es leichter eine Beziehung zwischen den Dingen  herzustellen. Es kann sich beim Erforschen der Umgebung zunehmend leichter zurechtfinden. Das bedeutet jedoch noch nicht, dass das Kind damit von sich aus Ordnung hält, im Sinne von ordentlich sein. Es ist jedoch die Grundvoraussetzung für seine spätere, eigene Ordentlichkeit.

Durch Rituale und Klarheit in Bezug auf Raum, Zeit und verlässliche Personen  lernt es langsam das anfängliche Chaos von Eindrücken (absorbierender Geist) zu ordnen, und so immer mehr von der äußeren zur inneren Ordnung zu finden. Es erfährt Halt, Sicherheit und Orientierung, die es für seine weitere Entwicklung braucht. Gerade deshalb ist es in dieser Zeit sehr wichtig, darauf zu achten, die Kinder an gewisse Regeln und Grenzen heranzuführen. Denn in diesem Alter sind sie besonders aufgeschlossen und dankbar für Wegweiser, die wir ihnen als verantwortungsvolle Erwachsene zeigen.

- Sprache

In dieser Zeit ist das Kind sehr aufgeschlossen für den Spracherwerb. Bis etwa 4 Jahre ist es für die Kinder ein leichtes, seine Muttersprache zu erlernen. Natürlich ist ein entsprechendes Sprachvorbild, sowie eine körperliche und geistige Gesundheit (Organ, Ohr, Nervenbahnen, usw.) Voraussetzung dafür. Auch Zweitsprache oder Fremdsprachen lernt das Kind in dieser Zeit oftmals ohne Probleme.

- Mathematische Grunderfahrungen

Durch die Entwicklung und Erfahrung des eigenen Körpers, der immer mehr wahrgenommen wird, macht das Kind erste mathematischen Erfahrungen:

Es hat 1 Nase, 2 Hände, 2 Füße, 10 Finger, usw.

Raum-Lage-Bestimmung beginnt hier ebenfalls: rechts, links, oben, unten, usw.

Eine gute Körperwahrnehmung ist Grundlage für das Erlernen und Beherrschen von späteren mathematischen Kompetenzen (neurologisch belegt!), die in der Schule gefordert sind. Deshalb sind eigene Körpererfahrungen in diesem Alter besonders wichtig. Ängstliche, überbesorgte Erwachsene behindern dies eher.

 

2. Unterphase:                3-6 Jahre

In dieser Phase rückt die Wahrnehmung immer mehr in den Vordergrund. Das Kind nimmt immer bewusster wahr, differenziert teilweise bereits und handelt entsprechend.

- Bewusstseinsentwicklung

Das Kind nimmt seine Umwelt und alles darin immer bewusster wahr.  Es entdeckt die Unterschiede im Naturkreislauf. Es setzt sich mehr und mehr intensiv mit seiner Umwelt auseinander.

Es erkundet häufig, zum Leidwesen der Erwachsenen, auch die Gegenstände auf ihr Innenleben hin(z.B. Wecker, Spielzeug, usw.)

Es kommt immer mehr in Kontakt mit anderen Kindern und Erwachsenen, da es z.B. in die Krippe oder den Kindergarten kommt.

- Vervollkommnung

In dieser Periode vervollkommnet es seine Sprache mehr und mehr. Sie wird differenzierter, der Wortschatz erweitert sich, Ausdruck und Aussprache von Lauten perfektionieren sich.

Das gleiche gilt für die Bewegung. Sie wird zielgerichteter, die Grobmotorik festigt sich, die Feinmotorik bildet sich weiter aus.

Das Kind ist jetzt noch  empfänglicher für eine äußere Ordnung. Dinge kommen z.B. an ihren ganz bestimmten Platz. Das Kind übernimmt schon kleinere Aufgaben und Arbeiten. Es hilft gerne in Haus und Garten, wenn man es lässt.

Die mathematischen Grunderfahrungen erweitern sich: es paart, sortiert , reiht, kategorisiert, usw. .

In dieser Zeit besteht häufig schon Interesse am Schreiben und Lesen.

- Fähigkeit zu sozialen Bindungen

Erste festere Freundschaften bilden sich. Kinder, die bereits in Gruppen sind, entwickeln ein erstes Zusammengehörigkeitsgefühl. Diese Phase ist bei Kindern, die schon vor dem 3. Lebensjahr regelmäßig eine kleine Gruppe besuchen, z.B. Kinderkrippe, wesentlich früher erkennbar (meist ab 2  1/2 Jahren).

 

2.2.       Zweite  Phase  von  6-12 Jahren

Diese Periode wird als relativ stabil bezeichnet.  Es ist eine Zeit des Wachstums ohne größere Veränderungen.

- Erweiterung des  Aktionsbereiches

Das Leben in der Gemeinschaft / in Gruppen  nimmt immer mehr Raum ein. Die Familie ist nicht mehr nur  der Mittelpunkt.

War für das bis 6 Jahre alte Kind ein relativ überschaubarer Bereich und feste Bezugspersonen wichtig, so kommt jetzt die Zeit, in der das Kind immer mehr soziale Erfahrungen außerhalb der Familie sammeln kann.

- Sensibilität  für  Vorstellungen

Das Kind gelangt immer weiter vom konkreten zum abstrakten Denken.  Es muss nicht mehr alles im handelnden Umgang mit den Dingen erfahren.

In vielen Bereichen kann es Zusammenhänge bereits ohne den direkten  praktischen Vergleich mit den Dingen erfassen : z.B. über Lexika und andere gute Lektüre.

- Wissbegierde

Gekennzeichnet ist diese Phase durch eine besondere Neugierde.  Das Kind will Ursache und Wirkung erkennen.  Es hinterfragt Regeln und nimmt nicht mehr alles als gegeben hin.

- Sensibilität für Gewissen und Gerechtigkeit

Das Kind bildet immer mehr sein Gewissen . Es unterscheidet sehr genau zwischen Gut und Böse. Sein Gerechtigkeitssinn ist stark ausgeprägt. Es reagiert äußerst empfindlich auf ungerechte Behandlung vor allem sich selbst, aber oft auch anderen gegenüber (je nach dem wie gut die emotionale Kompetenz entwickelt werden konnte).  Erste Werte und Normen haben hier ihre Wurzeln.

 

2.3.        Dritte Phase  von 12-18 Jahren

Diese Periode wird als recht labil beschrieben. Es ist eine Zeit der Neuorientierung für die inzwischen Jugendlichen.  Die vorangegangenen Phasen dienen als wichtiges Fundament.

- Bedürfnis nach Schutz und Geborgenheit

In dieser Zeit ist das Kind hin- und hergerissen in seinen Gefühlen und seinem Verhalten. Die körperlichen und psychischen Veränderungen kann es häufig noch nicht einordnen. Es verlangt nach Schutz und Geborgenheit, gleichzeitig drängt es nach mehr Freiheiten und Abnabelung.

- Bedürfnis nach Stärkung des Selbstvertrauens

Die Familie nimmt immer mehr an Einfluss ab.  Gruppen und Freunde werden wichtiger für die Entwicklung des Selbstwertgefühls.

Das Bedürfnis nach Selbstständigkeit wächst mit zunehmendem Selbstvertrauen.

Während der beiden zuletzt beschriebenen Phasen ist es wichtig, dass der Erwachsene sich der Diskrepanz  (Zwiespältigkeit)  der Jugendlichen bewusst ist.  Er versucht deshalb Geborgenheit und  Zuwendung, aber auch das Loslassen zu entsprechender Zeit anzubieten.

- Interesse an gesellschaftlichen Fragen

Es wird wichtig für den Jugendlichen und jungen Erwachsenen ihre Rolle in der Gesellschaft zu finden.  Sie wollen ihren Platz in der Gesellschaft erkennen.

Politische, wissenschaftliche Fragen ,  Gedanken zur Umwelt   usw.  beschäftigen viele in dieser Zeit.

Jetzt ist auch die Periode, in der sich die Jugendlichen bewusst von der Familie abnabeln.  Sie gehen eigene Wege und legen Wert darauf, immer mehr Entscheidungen selbst zu treffen.

 

3.                  Zusammenfassung / eigene Meinung

Aus den vorangegangenen Ausführungen ergibt sich die Erkenntnis, dass die sensiblen Phasen eine große Rolle in der Gesamtentwicklung der Kinder spielen.  Es ist wichtig, diese zu kennen und Möglichkeiten zu schaffen (vorbereitete Umgebung, Entwicklungsmaterialien, Verhalten der Erwachsenen), damit das Kind in seinen sensiblen Perioden die Fähigkeit erlangen kann, die in dieser Zeit ansteht um sich zu entwickeln, zu vervollkommnen, usw. (immanenter Bauplan). Jede Phase besitzt ihre besondere Wichtigkeit und sollte unbedingt beachtet werden.

Die gegebenen Anlagen brauchen „Futter“ um gefördert und vermehrt zu werden.

"Es ist also notwendig, den jungen Menschen in seinen sensiblen Phase, eine umfassende Förderung, gemäß den erkennbaren, allgemeinen Entwicklungsstrukturen zuteil werden zu lassen, ihm andererseits so viel Freiheitsspielraum zu geben, dass er gemäß den in ihm wirksamen, aber nicht unmittelbar erkennbaren individuellen Impulsen sich entfalten kann." (Zitat: aus "Erziehen mit Maria Montessori", Herder Verlag 2000)


Abschluss