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Die Polarisation der Aufmerksamkeit

in der Montessoripädagogik

 

1.      Zum Begriff

Maria Montessori bezeichnet damit die tiefe Konzentration die innere Kräfte bündelt und ein Gefühl der Zufriedenheit und Ausgeglichenheit schafft.

Sie beobachtete dieses Phänomen der „Polarisation der Aufmerksamkeit“ (P.d.A.) erstmals bei einem dreijährigen Mädchen. Es wiederholte die Übungen an den sog. Einsatzzylindern über 40 mal ohne sich von äußeren Bedingungen ablenken oder stören zu lassen. Es schien förmlich mit seiner Aufgabe verschmolzen zu sein. Danach räumte das Kind auf und wandte sich entspannt und ausgeglichen seiner Umgebung zu. Es wirkte selbstbewusster und keinesfalls erschöpft, was sonst nach einer Arbeit häufig der Fall ist, egal ob bei Erwachsenen oder Kindern.

M. Montessori war so fasziniert von dieser Versunkenheit des Kindes, dass sie nun die Kinder bewusst und intensiv bei ihren Arbeiten beobachtete. Sie wollte feststellen, ob dies eine einmalige, speziell auf dieses Kind und diese Situation bezogene Sache war, oder ob dies öfter der Fall wäre. Zusätzlich wollte sie feststellen, welche Bedingungen dazu notwendig waren, um diesen Zustand zu erreichen und welche Auswirkungen das auf das Verhalten und den Entwicklungsfortschritt der jeweiligen Kinder hatte.

Sie erkannte bald, dass vor allem Kinder, die während einer sogenannten „Sensiblen Periode“ (siehe Thema: “Die Sensible Phasen“) Materialien vorfanden, die diese Phase unterstützten, besonders leicht und schnell zu der P.d.A. fanden. Sie arbeiteten dann versunken in ihre Arbeit, Raum und Zeit vergessend.

 

2.      Wirkung auf die Kinder

Die Kinder, die zu einer solch vertieften Arbeitsweise fanden, waren danach in der Regel wie „umgewandelt“. Sie sind ausgeglichen, freundlich, mitteilsam, selbstsicher. Die Konzentration äußert sich im wiederholten Tun aus eigenem Antrieb und Verlangen heraus. So wird etwa der Tisch immer wieder mit Ausdauer und Hingabe gewischt, obwohl er schon längst sauber ist, der rosa Turm die braune Treppe oder Spiele werden auf- und abgebaut und immer wieder von vorne wiederholt, ein Bilderbuch, eine Geschichte muss noch einmal erzählt werden usw.. Im konzentrierten Tun dringt das Kind zunehmend tiefer in einen Handlungsablauf ein.  Es übt, vertieft und verinnerlicht Handlungen und Erkenntnisse. Schon wenn die P.d.A. erstmals auftritt, beginnt sich beim Kind eine Veränderung im geistigen, seelischen und körperlichen Bereich einzustellen. Maria Montessori spricht dabei auch von „Normalisation“ (siehe “Theoretische Grundbegriffe ") Selbst wenn uns Erwachsenen diese Tätigkeiten sinnlos erscheinen, da der Tisch z.B. schon mehr als sauber ist, ist dieses häufige Wiederholen für Kinder unerlässlich. Nur so vertiefen und verinnerlichen sie die Erfahrungen. Sie können langfristig im Gehirn gespeichert werden und sind später in der Schule, oft in ganz anderen Bereichen, wieder wichtig.

Je öfter die P.d.A. eintritt, desto eher wird ein Kind „normalisiert“.

 

 

3.      Ziele der Polarisation der Aufmerksamkeit

  • Ziel ist vor allem die „Normalisation“ des Kindes, das heißt, die psychische Gesundheit des Kindes,  von der in der Regel sowohl die geistige als auch die körperliche Gesundheit abhängig ist
  • Das Selbstbewusstsein, und Selbstwertgefühl wird gestärkt
  • Die individuelle Persönlichkeitsentwicklung und Charakterbildung kann sicher voranschreiten
  • Es wird eine „innere“ Ordnung hergestellt (in der Mitte sein, Ausgeglichenheit, usw.)
  • Selbstständigkeit, Entscheidungsfähigkeit, Durchhaltevermögen ... werden geübt
  • Handlungsabläufe werden verinnerlicht und tragen bei zur Sicherheit, um sich dann wieder mit Neuem und Unbekannten auseinander zu setzen

 

 

4.      Verlauf der Polarisation der Aufmerksamkeit

Die P.d.A. verläuft in drei Phasen. Sie ist ein innerer Bildungsprozess.

Erste PhaseArbeit suchen und finden (Montessori sieht es als nicht normal, wenn Kinder sich für nichts begeistern können)

Das Kind wählt in der Regel nach seinen Interessen, in freier Wahl seinen Platz und das Material mit dem es arbeiten möchte (Entscheidungsfähigkeit schulen, logisches Denken anregen, z.B. weil entschieden werden soll wo das Material am Besten zu arbeiten ist, ...). Es bereitet alles notwendige dafür vor, z.B. Tisch oder Arbeitsteppich. Es holt sich das Material an den Arbeitsplatz.

Zweite PhaseGroße Arbeit

Das Kind beschäftigt sich intensiv, konzentriert mit seiner Aufgabe. Es holt sich selbst Hilfe, wenn es nach mehrmaligen Versuchen zu keinem eigenen Ergebnis kommt (lernen um Hilfe zu bitten, Sprachschulung, ...)Es lässt sich kaum, im besten Fall gar nicht stören und ablenken. Es verschmilzt förmlich mit dem Spiel, der Arbeit, der Tätigkeit. Es wiederholt nach Fertigstellung das Ganze evtl. noch einmal, oder gar mehrere Male.

Dritte PhaseAusklang

Das Kind beendet auf eigenen Wunsch seine Arbeit. Diese kann vollkommen beendet werden indem das Kind alles aufräumt, oder die Arbeit wird auf Grund einer Pause mit dem Symbol des Kindes gekennzeichnet. Somit wissen alle anderen Kinder und Erwachsenen, dass damit noch einmal gearbeitet wird.  Ist die Arbeit abgeschlossen, betrachtet das Kind sein Werk, zeigt es vielleicht Freunden oder Erziehenden. Es räumt alles an den Platz zurück woher es die Arbeitsmaterialien geholt hat (Merkfähigkeit schulen, Ordnungssinn aufbauen,...) Anschließend wendet es sich frisch und entspannt wieder seiner Umgebung zu. Es wirkt in der Regel ruhiger, ausgeglichener und selbstsicherer. Es ist häufig Stolz, dass es etwas geschafft hat.

 

 

5.      Prävention

In der Regel hat diese tiefe Konzentrationsphase jedes normal entwickelte Kind von Geburt an.  Wenn man Babys beobachtet, erkennt man, wie ausgiebig und vertieft sie z.B. ihre Hände und Finger erkunden, sie ansehen, sie in den Mund stecken, sie hin und her drehen.

Am Besten wäre es, wenn es von Geburt an gelänge, diese Fähigkeit der tiefen Konzentration (sich innerlich sammeln und alle Kräfte einige Zeit auf ein bestimmtes Ziel zu lenken, sowie Störungen auszublenden) aufrecht zu erhalten. Da leider im Leben des Kindes schon sehr bald störende äußere Einflüsse, solche Konzentrationsphasen häufig unterbrechen (ständig laufender Radio; zu buntes und laute Geräusche verursachendes Kinderspielzeug; überladene, zu bunte Kinderzimmer; Unterbrechungen und Gängelungen des Kindes durch den Erwachsenen...) wird das Kind sehr schnell verbildet (nach Montessori „deviat“ – siehe  „Theoretische Grundbegriffe“). Maria Montessori geht davon aus, dass diese verschiedensten „Barrieren“ (unehrliches Lob; Grenzenlosigkeit; falscher Ehrgeiz der Erwachsenen; Reizüberflutung...) die Kinder in ihrem Verhalten und ihrer Entwicklung einschränken. Es gelingt den Kindern deshalb nach und nach immer weniger diese P.d.A. zu erreichen.

Eine gute, vorbereitet Umgebung, ansprechende Materialien und  einfühlsame Erwachsene die dennoch sinnvolle Wegweiser vorgeben, können der Deviation entgegenwirken, bzw. schon entstandene Auffälligkeiten durch häufiges herbeiführen der P.d.A. auflösen, oder zumindest verbessern.

M. Montessori erkannte, dass es notwendig ist den sog. Machtabbau zwischen Erzieher und Kind voranzubringen, möglichst oft niederlagelose Konfliktlösungen  zu finden (zu erlernen z.B.bei „Gordons Familientraining“), sowie Zeit, Geduld und sinnvolle Reizangebote zu gewährleisten.

Das Motto: :“Hilf mir, es selbst zu tun.“ müssen sich deshalb Erwachsene immer wieder vor Augen führen. Nur das selbsttätige, aktive Tun bringt das Kind letztendlich zur P.d.A. und kann sinnvoll helfen des Kind wieder zu normalem, erwünschten Verhalten zu führen bzw. dieses auf längere Sicht zu erhalten.

 

 

6.      Bedingungen für die Polarisation der Aufmerksamkeit
 

        Vorbereitete Umgebung

Maria Montessori hat festgestellt, dass die Umgebung für das Verhalten von Kindern eine wichtige Rolle spielt.

Um dem Kind die  P.d.A.  zu ermöglichen fordert sie:

  • eine freundliche Atmosphäre
  • klar gegliederte Raumeinteilung durch Nischen und Ecken für ungestörtes Arbeiten
  • Ordnung und Sauberkeit des Raumes
  • Wenig ablenkende Dekoration, da die Kinder schon in einer reizüberfluteten Umwelt leben
  • Klare, bekannte und konsequente Regeln
  • Möbel der Größe der Kinder entsprechend
  • Freier Zugang zu den Regalen und dessen Inhalt

Alle diese Dinge unterstützen das Kind um zu einer guten Konzentrationsphase zu finden und diese eine gewisse Zeit aufrechtzuerhalten. Dabei spielt das Alter und der Entwicklungsstand des Kindes natürlich eine Rolle.

 

        Entwicklungsmaterialien

M. Montessori hat ebenfalls festgestellt, dass bestimmte Materialien, die sog. Entwicklungsmaterialien, die Kinder unterstützen um zur PdA zu gelangen.

Diese Materialien unterliegen bestimmten Prinzipien (Regeln):

  • Sie müssen ästhetisch sein, d.h. ansprechende Farben haben, gut verarbeitet sein, klare Formen aufweisen
  • Sie sollen eine Fehlerkontrolle enthalten, das bedeutet, dass die Kinder selbst überprüfen können, ob sie ihre Aufgaben richtig gelöst haben. Montessori will, dass die Kinder immer unabhängiger werden von Lob oder Tadel einer Person. Dies fördert auch die sog. "intrinsische Motivation", d.h. etwas gut machen wollen aus sich selbst heraus, von innen kommend, weil es dem Kind selbst wichtig und wertvoll ist.
  • Sie sollen das Kind zu aktivem Tun anregen. Sie ermöglichen den handelnden Umgang damit und sind für Kinderhände konzipiert.
  • Es soll eine Mengenbegrenzung geben. Die Materialien sind in der Regel nur einmal vorhanden. Geduld wird gelernt, indem das Kind auf das Material warten muss. Ordnung wird geübt, da das Material am Ende der Arbeit wieder an seinen Platz zurückgeräumt wird damit andere es leichter finden.

Es gibt Materialien zur Sinneserziehung, zur Spracherziehung, zur Bewältigung des  täglichen Lebens, also des Alltags, sowie zur Mathematikerziehung und zur Kosmischen Erziehung. (genauere Erläuterungen dazu im Thema: „Entwicklungsmaterialien und Prinzipien“ und mit vielseitigem Bildmaterial in unserer Galerie)

 

        Didaktische Prinzipien

Auch die sog. Didaktischen Prinzipien unterstützen und fördern die P.d.A.

Hier beschreibe ich nur zwei der Prinzipien genauer. Eine ausführliche Erklärung findet man im Thema  „Entwicklungsmaterialien und Prinzipien“.

-          Das Prinzip der Sachgebundenheit

Es wird darauf geachtet, dass der Aufbau und die Handhabung des Materials die Aufmerksamkeit und Konzentration auf den Kern der Aufgabe lenken. Es wird an einem ruhigen Platz gearbeitet. Nichts sonst stört und lenkt das Kind ab, z.B. viele herumliegende Spielsachen, Hintergrundmusik, PC, Fernseher....

-          Das Prinzip der Selbstkontrolle

Fast jedes Material birgt die Möglichkeit die Fehler selbstständig zu erkennen und zu korrigieren. Das Kind wird so nicht in seiner Aufmerksamkeit unterbrochen, indem es warten muss bis es die Rückmeldung über Richtig oder Falsch von einem Erwachsenen erfährt.

Weitere Prinzipien sind: das Prinzip der freien Wahl, das Prinzip des individuellen Lernweges, das Prinzip der Freiheit und Individualität, das Prinzip der Isolierung der Eigenschaft und das Prinzip der Selbsttätigkeit.

 

        Erzieher / Lehrer

Um die PdA für das Kind immer wieder zu ermöglichen hat der Erziehende (auch Eltern sind Erziehende!)/ Lehrende wichtige Aufgaben:

  • Er/ Sie beobachtet immer wieder objektiv das einzelne Kind
  • Er/Sie beachtet die Interessen und Bedürfnisse des einzelnen Kindes
  • Er/Sie führt verantwortlich Beobachtungen durch
  • Er/Sie sorgt für eine entsprechende Umgebung und Materialien (evtl. auch selbsterstelltes Material unter Beachtung der entsprechenden Prinzipien/ Einbindung heutiger handelsüblicher und guter pädagogischer Spiele, sowie Naturmaterialien und Material aus dem täglichen Leben des Kindes etwa dem Haushalt)
  • Er/Sie achtet auf die Einhaltung abgesprochener und bekannter Regeln
  • Er/Sie kennt die sensiblen Phasen der Kinder und entsprechende Materialien die diese unterstützen
  • Er/Sie kennt den Aufbau, die Handhabung und Zielsetzung der Materialien
  • Er/Sie reflektiert seine /ihre Arbeit regelmäßig und kritisch, und tauscht sich mit Kollegen aus
  • Er/Sie orientiert sich am Leitsatz M. Montessoris :“Hilf mir, es selbst zu tun.“
  • Er/Sie bildet sich in verschiedensten Bereichen gezielt fort und erweitert sein/ihr eigenes Wissen und Können
  • Er/Sie weiß, dass er/sie sowohl in positiven als negativen Dinge als Vorbild kopiert wird je jünger das Kind ist. Deshalb ist der freundliche und hilfsbereite Umgang dem Kind, sowie anderen Mitmenschen gegenüber selbstverständlich.

 

 

7.       Schlußbemerkung

Die P.d.A immer wieder zu erreichen ist ein besonders wichtiger Faktor. Die Schulen klagen über unkonzentrierte Kinder, die kein Arbeitsverhalten, kein Durchhaltevermögen und keine positive Disziplin mehr haben, dass sie unruhig und leicht ablenkbar sind.

Die Anforderungen die M. Montessori an den Erzieher/Lehrer, an die Umgebung und die Materialien stellt sind wichtig und hilfreich um die Kinder wieder mehr zur Konzentration und Ausdauer hinzuführen.

Konzentration ist eine wesentliche Vorraussetzung für eine gesunde Entwicklung. Sie wirkt sich positiv auf die Gesamtpersönlichkeit aus. In letzter Zeit wird viel von der Notwendigkeit der Emotionalen Intelligenz gesprochen, wobei festgestellt wurde, dass ausgeglichene, selbstbewusste Personen, die sich gut konzentrieren können diese Emotionale Intelligenz wesentlich ausgeprägter besitzen. Solche Menschen lernen in der Regel leichter, sind teamfähiger und belastbarer als andere, die diese Eigenschaft nicht oder nur in geringem Ausmaß besitzen. Zudem haben sie durch vielfältige Erfahrungen eine sichere eigenen Identität, ein gesundes Selbstbewusstsein, sowie die Grundvorrausetzungen für soziales Verhalten erworben. In vielen Stellenausschreibungen sind gerade dies immer mehr gewünschte Voraussetzungen die eine Firma von ihren zukünftigen Mitarbeitern verlangt.

Kennt man die Prinzipien für das Material, den didaktischen Umgang damit und zeigt den Kindern als Erziehungsverantwortlicher angemessenes, vorbildliches Verhalten, kann man diese Prinzipien auch auf andere Spiel- und Lernmaterialien (Fachhandel), sowie auf Materialien übertragen mit denen das Kind täglich in Berührung kommt. Es ist nicht zwingend notwendig typische Montessorimaterialien einzusetzten.

 

Buchempfehlung:

Klaus W. Hoffmann/Bernd Roggenwallner: „Das EQ-Programm für Kinder – So fördern Sie spielerisch die emotionale Intelligenz“, Rowohlt Verlag, 2001 (ISBN3-499-60969-X)

Petra Kunze/Catharina Salamander: „Kinder fördern im Alltag“, Gräfe und Unzer Verlag, 2002 (ISBN 3-7742-3757-3)


Abschluss