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Entwicklungsmaterialien und Prinzipien

 

1. Begriffserklärung

Entwicklungsmaterialien sind laut Maria Montessori der „Schlüssel zur Welt”, nicht jedoch als Ersatz für die Welt gedacht. Die Entwicklungsmaterialien sind „Instrumente”, die dem Kind vielerlei Einsichten und Erfahrungen vermitteln, weil sie isoliert be- und erarbeitet werden können. Andere Reize die das Kind in der realen Welt oft überfordern sind ausgeschaltet. So gelingt die Konzentration und Aufmerksamkeit auf das Wesentliche.

Dr. Maria Montessori spricht von Entwicklungsmaterialien und nicht von Spielsachen, da diese Materialien dem Kind ermöglichen, sich aus eigener Kraft, wichtige Dinge für seine Entwicklung anzueignen. Es gewinnt im selbstständigen und selbstaktivem handelnden Umgang mit dem Material Erfahrungen und Einsichten. Das Material ermöglicht dem Kind sich in seinem ihm eigenen Lerntempo weiter zu entwickeln.

Außerdem wertet der Begriff  "Arbeit", die Tätigkeit des Kindes insgesamt auf. Ansonsten hört man häufig: „Das Kind spielt ja nur.”. Das Spiel, die Arbeit des Kindes wird nach außen hin ernster genommen. Außerdem wird vieles, was wir Erwachsene als so einfach empfinden vom Kind tatsächlich als Arbeit erlebt. Es ist anstrengend, braucht Zeit, Geduld, Konzentration usw. genau wie die Arbeiten von Erwachsenen.

Über das Erlebte und Erfahrene beim Spiel / der Arbeit wird der Geist geschult.

Die Materialien gehen vom Entwicklungsstand des Kindes aus, holen es ab wo es steht und führen es weiter. Sie unterstützen das Motto Dr. Montessoris: „Hilf mir es selbst zu tun!”. Entwicklungsmaterialien sind didaktische Materialien, die die Polarisation der Aufmerksamkeit unterstützen, zur Normalisierung des Kindes führen, und dadurch eine Weiterentwicklung ermöglichen. (Definition der Begriffe bei : "Theoretische Grundbegriffe", sowie Referat : "Polarisation der Aufmerksamkeit")

Entwicklungsmaterialien sind Teil der vorbereiteten Umgebung.

Die Materialien sind nach dem Grundsatz der kleinen Lernschritte aufgebaut.

Bei Maria Montessori steht immer das Kind im Mittelpunkt, dessen Entwicklung durch das Material unterstützt wird. Die Materialien sollen ihm Rüstzeug sein, die ganze Welt und ihre Kultur nach und nach zu erobern.

2. Ziele

  • Selbsttätigkeit und Selbstständigkeit fördern
  • Fähigkeit zur Differenzierung und Wahrnehmung unterstützen
  • Beziehungen herstellen lernen und Zusammenhänge erfassen können
  • Aufmerksamkeit fesseln
  • Vernetztes, systematisches Denken schulen
  • Selbstständigkeit und Unabhängigkeit fördern
  • Spaß und Freude am Lernen erfahren
  • Konzentration und Ausdauer schulen
  • Grob- und Feinmotorikentwicklung unterstützen
  • Absprache und gegenseitige Rücksichtnahme fördern
  • Sprachentwicklung unterstützen
  • mathematische und naturwissenschaftliche Basisfähigkeiten anbahnen
  • Erkenntnisse im Umweltbereich erwerben

3. Materialbereiche

Es gibt klassische Montessori - Materialien in 5 Bereichen

  • Materialien für Übungen des sog. „Täglichen Lebens”, also zur Bewältigung des Alltags: alles mit dem Kinder täglich zu tun haben, an- und ausziehen, waschen, etwas tragen, sauber machen, sortieren, einschenken, schneiden usw.
  • Materialien zur Sinneserziehung: alles was differenziert alle Sinne (Hör-, Tast-, Riech-, Geschmacks-, Sehsinn...) fördert, sensibilisiert und ausbildet
  • Sprachmaterialien: alles was Sprache, Schreiben und Lesen umfasst
  • Mathematikmaterialien: alles wobei das Kind grundlegende und vertiefende mathematische Erfahrungen machen kann
  • Materialien zur Kosmischen Erziehung: alles womit das Kind in seiner näheren und weiteren Umgebung zu tun hat, Umwelt- Sacherziehung im Kindergarten, Heimat- und Sachkunde, sowie später die naturwissenschaftlichen Fächer wie Physik, Chemie und andere weiterführende Fächer. Hierzu gehören auch ethisch-moralische und religiöse Erziehung.

Die Materialien greifen stets wie Zahnräder ineinander über, so dass eine ganzheitliche Bildung der Kinder möglich ist.

Bilder zu einigen Materialien finden Sie in unserer Galerie.

4. Materialprinzipien

4.1. Isolierung der Eigenschaft

Die Aufmerksamkeit wird auf eine einzige besondere Eigenschaft gelenkt: z.B. nur die Farbe. Dies ist in der realen Umwelt mit ihrer Reizüberflutung nur selten möglich. Dieses Prinzip ermöglicht zu einem geordneten Geist zu finden. Farben werden so z.B. schneller und sicherer erlernt, da sie herausgenommen sind aus einem Vielerlei. Das Kind kann sich in Ruhe nur auf die Farbe selbst konzentrieren und wird nicht durch Unwichtiges abgelenkt. Ebenso ist dies auf Tast-, Hör- und andere Reize zu sehen.

4.2. Vertikale und horizontale Gliederung

Vertikale Gliederung heißt, das Material birgt unterschiedliche Schwierigkeitsstufen in sich, so dass individuelle Handhabungen, je nach Entwicklungsstand des Kindes, möglich sind. Das Kind wird  nicht über- aber auch nicht unterfordert. (Beispiele: Paarung, Kontraste bilden, Abstufungen in der richtigen Reihung finden)

Horizontale Gliederung heißt, Parallelübungen und Variationen sind möglich, so dass das Interesse des Kindes länger erhalten bleibt und Probleme vertieft erarbeitet und aufgearbeitet werden können. Es kann mit vielfältigen Abwandlungen genutzt werden.

4.3. Selbstkontrolle

Fast alle der Materialien enthalten eine sog. eigene Fehlerkontrolle. Das Kind arbeitet weitestgehend selbständig und wird somit unabhängig von der Bewertung durch andere Personen. Es lernt sich selbst einzuschätzen, sich seiner Fähigkeiten selbst bewusst zu werden. Selbstbewusstsein führt zu Selbstvertrauen, zu Selbstsicherheit und fördert eine stabile Persönlichkeitsbildung. Die intrinsische Motivation (Leistung erbringen wollen aus einem eigenen inneren Antrieb heraus) kann sich entwickeln, d.h. das Kind ist nicht abhängig von Lob und Tadel, oder anderen äußeren Verstärkern (Süßes, Geschenke...) durch eine Person.

Arten der Fehlerkontrolle sind visuell, taktil, akustisch, d.h. bei manchen Materialen sehe ich den Fehler selbst, höre dass etwas nicht passt oder kann es fühlen. Somit werden selbst bei der Fehlerdiagnose die Sinne intensiv angeregt. So wird die Wahrnehmungsschulung selbst bei einer nicht ganz gelungenen Arbeit unterstützt und angeregt. Dies bringt vielerlei Erfahrungen für das Kind und hilft wichtige Synapsen (Hirnverbindungen und Verzweigungen) aufzubauen. Eine gut ausgebildete Wahrnehmung ist Voraussetzung für den späteren gelingenden Schulbesuch - und schon ein altes Sprichwort sagt: "Aus Fehlern wird man Klug!"

4.4. Mengenbegrenzung

Jedes Material ist nur 1x im Raum. So lernt das Kind sich mit anderen Kameraden abzusprechen. Es nimmt somit soziale Kontakte auf, übt Rücksicht zu nehmen auf Bedürfnisse von anderen und lernt Geduld. Ebenso ist die Arbeitsfläche begrenzt (Tisch, Arbeitsteppich). Dies dient als Zeichen für Andere, um Störungen zu vermeiden und macht sichtbar, dass gerade jemand intensiv und ungestört arbeiten möchte. Das Kind wird weniger abgelenkt, da Gruppenmitglieder seinen Platz respektieren. Mit dem Material wird auf dem Tisch oder auf einem Arbeitsteppich am Boden gearbeitet.

4.5. Aktivität

Das Material ermöglicht handelnden Umgang, d.h. es darf berührt, betastet, auf schönen Tabletts zum Arbeitsplatz getragen werden usw. Der Boden ist durch die Arbeitsteppiche die als Arbeitsfläche benutzt werden intensiv mit einbezogen. Bodenarbeit kommt dem Bewegungsdrang des Kindes mehr entgegen als häufiges Sitzen auf Stühlen.

4.6. Ästhetik

Die Materialien sind hochwertig verarbeitet. Jedes hat eine besondere Aufbewahrungsform und seinen Platz. Farbenglanz oder Form regt das Kind an, achtsam, behutsam und pfleglich damit umzugehen. Es fördert zusätzlich den anmutigen Umgang und die Bewegungskoordination.

Dieses Prinzip ist auch auf andere (alltägliche) Materialien übertragbar. Sorgsamer Umgang mit allen Dingen ist in der heutigen Zeit besonders wichtig. Die Ressourcen sind nicht unbegrenzt (Umwelterziehung, Konsumdenken usw.).

5. Didaktische Prinzipien (Arbeitsprinzipien)

Auch die didaktischen Prinzipien spielen eine wichtige Rolle bei den Entwicklungsmaterialien. Sie tragen ebenfalls zum Erwerb der Normalisation bei (dieser Begriffe und seine Bedeutung in der Montessori-Pädagogik wird unter "Theoretische Grundbegriffe" erläutert).

Manche Merkmale überschneiden sich mit den vorher beschriebenen Materialprinzipien, so dass ggf. nur Verweise erfolgen.

5.1. Prinzip der Sachgebundenheit

Der Aufbau der Materialien, der Platz an dem gearbeitet wird, sowie die Anweisungen des Erziehers / Lehrers lenken die Aufmerksamkeit auf den Kern der Aufgabe (Polarisation der Aufmerksamkeit). Dieses Prinzip der Sachgebundenheit steht über allen anderen. Das Material wird auch nicht durch zu lebhafte Phantasie der Kinder missbraucht, z.B. die Roten Stangen die erste mathematische Erfahrungen vermitteln, sind keine Schwerter. Machen Kinder gerne Rollenspiele gibt es entsprechendes Material dafür, bzw. wird den Kindern erklärt weshalb das Material zweckgebunden verwendet wird.

5.2. Prinzip der Isolation der Schwierigkeiten

Das Material ist so konzipiert, dass es in der Regel die Aufmerksamkeit auf nur eine Eigenschaft des Materiales legt, etwa auf die Form. Andere überflüssige Reize, wie z.B. Verzierungen oder auffällige Farben werden vermieden.

5.3. Prinzip der Selbsttätigkeit

Lernen wird möglich durch den handelnden, selbsttätigen Umgang mit konkreten Dingen. Eigene Erkenntnisse und Einsichten gewinnen sind erfolgreicher und lehrreicher als passives Zuhören und Belehren lassen. Das Kind lernt also durch selbst Tun („Be - greifen”) und selbst Handeln.

5.4. Prinzip der Selbstkontrolle

Siehe unter Merkmale der Materialien, Punkt 4.3.

5.5. Prinzip der Freiheit und Individualität

Tätigkeiten können in der vorbereiteten Umgebung (entsprechend eingerichtete Räume und zum Entwicklungsstand und dem Interesse des Kindes passende Lern- und Entwicklungsmaterialien) frei gewählt werden. Diese Umgebung hat durch ihre Raumaufteilung und das bereitgestellte Material einen hohen Aufforderungscharakter, so dass das Kind immer wieder neugierig wird, sich beschäftigen will und somit neue Erkenntnisse gewinnt. Das Kind kann so lange bei seiner Arbeit bleiben wie es möchte. Es kann die Arbeit  so oft wiederholen wie es Freude daran hat.

Jeder Mensch ist anders und zeichnet sich durch diese Einmaligkeit aus. Jeder hat seinen eigenen Zugang zu einem Lernstoff (besondere Lernart die ihm das Lernen am leichtesten macht, z.B. Vokabeln im Gehen lernen), hat sein eigenes Lerntempo und seinen eigenen Lernweg. Die Materialien können sehr gut für die verschiedenen Lerntypen (visuell - lernt besser wenn er etwas sieht oder sich Bilder dazu vorstellt...;  taktil - merkt sich etwa besser, wenn er dabei herumläuft, etwas in der Hand knautscht..; akustisch - kann etwas leichter behalten, wenn er es sich laut vorsagt...) eingesetzt werden.

Außerdem trifft das Kind selbst die Wahl, ob es alleine, oder mit einem anderen Kind zusammen arbeiten möchte und wo dies geschieht (Tisch oder Arbeitsteppich).

5.6. Prinzip der Freiheit der Wahl

Sie ist Voraussetzung für die Polarisation der Aufmerksamkeit (tiefe Konzentration die durch fast nichts gestört werden kann). Es bedeutet in der Regel, sich freiwillig einer Aufgabe zuzuwenden und diese sachgerecht zu bearbeiten. Es gibt jedoch auch immer wieder Aufgaben, die das Kind zu erfüllen hat, z.B. weil es darin noch Übung braucht. Die Entscheidung zu welchem Zeitpunkt es dies tut bleibt jedoch ihm überlassen. Lediglich ein weiter gefächerter Rahmen, z.B. eine Woche steht ihm dabei zu. Bis dahin aber muss die entsprechende Arbeit erledigt werden. V.a. in Montessorischulen wird dies häufig praktiziert und übt somit die Eigenverantwortung und Selbstständigkeit. Kinder lernen so, selbst einzuteilen und zu organisieren. Die Freiheit der Wahl ist nur begrenzt durch das Prinzip der Sachgebundenheit und die Rücksicht auf Interessen anderer.

Diese Freiheiten sind somit eingebunden in sinnvolle  und wichtig Strukturen, so dass die Montessori-Pädagogik keinesfalls eine "Kuschelpädagogik" ohne Regeln und Grenzen ist. Oberflächliche Betrachtungsweisen und Betrachter, neigen gerne dazu dies anzunehmen und zu behaupten.

Dazu noch mehr unter: "Montessori, das ist doch die Pädagogik, in der Kinder alles dürfen?!"

5.7. Prinzip des individuellen Lernweges

Dies bedeutet, dass Kinder die innerhalb einer Gruppe / Klasse arbeiten je nach Entwicklungstand auf unterschiedlichen Ebenen lernen können. Angebote werden auf Interessen und Neigungen der Kinder abgestimmt. Der Stoffplan ist angemessen ausgewählt. Verschiedene Lehr- und Lernmethoden die angeboten werden, gewährleisten einen individuellen Lernweg. (späteres Referat „Kosmische Erziehung” in der dies ausführlicher dargestellt wird, ist in Arbeit)

Zusätzlich ist bei der Materialarbeit die Einführungsmethode zu beachten (detaillierte Infos dazu bei:  "Die Darbietung" und "Die Drei-Stufen-Lektion").

6. Rolle des Erziehers / Lehrers

  • Er ist der Vermittler zwischen Kind und Material in der vorbereiteten Umgebung, bringt also das Kind in Beziehung zum Material, zeigt den sachgemäßen Umgang und macht neugierig auf Neues
  • Er zeigt durch seine eigene Begeisterung, seine Freude am Lernen
  • Er bereitet sich stets verantwortlich vor, lernt selbst ständig dazu um sein Wissen in vielerlei Bereichen zu erweitern oder zu vertiefen und sich somit auch auf dem neuesten Stand zu halten
  • Er ist liebevoller, objektiver Beobachter, damit er für jedes Kind Materialien anbieten kann, die in der Zeit der sensiblen Periode des Kindes dessen individuellen Lernfortschritt unterstützen
  • Er hat deshalb exakte Kenntnisse über die sensiblen Phasen die jeder Mensch im Laufe seiner Entwicklung durchläuft
  • Ebenso hat er genaue Kenntnisse zum Aufbau und zur Handhabung der Materialien
  • Er tauscht sich regelmäßig mit Kolleginnen/Kollegen über die gemachten Beobachtungen aus und entwickelt weitere Schritte zur Unterstützung der Kindesentwicklung
  • Er informiert die Eltern regelmäßig und macht seine Arbeit transparent

7. Schlussgedanke

Das Material soll Helfer und Begleiter der kindlichen Entwicklung sein.

Ziel ist es, dass das Kind immer mehr ohne die Materialien auskommt, und so vom konkreten zum abstrakten Lernen findet, z.B. weg von den Goldenen Perlen mit dem anschauliches Rechnen gelingt, hin zu Rechenaufgaben nur auf Papier.

M. Montessori bezeichnet die Entwicklungsmaterialien als SCHLÜSSEL ZUR WELT, weil sie die Übertragung / Umsetzung in die Realität, in den Alltag erleichtern können.

Dem Kind wird damit Stück für Stück die Welt erschlossen, was in der heutigen reizüberfluteten Umwelt oft ein Problem darstellt.

Das Kind stellt also über die Materialien eine Beziehung zur realen Welt her.

Das Material unterliegt besonderen Merkmalen (unter Punkt 4.), die das Kind in einzelnen Schritten auf das Ganze hinführt.

Buchempfehlung

H. Biebricher / H. Speichert: „Montessori für Eltern”
Rowohlt-Verlag, 2001, ISBN 3-499-60581-3


Abschluss